#1 Tobias: Yeah Jesus <3

“MissionManifest”, so heißt das Buch dessen 10 Thesen im Anschluss an die Mehr2018, der Veranstaltung an der Katholiken sich mal so richtig schön in Evangelikaler Frömmigkeit suhlen können, vorgestellt worden ist. Thesen sind erstmal nichts anderes als Behauptungen und ein Manifest nichts anderes als Proklamation einer eigenen politischen Position. Grund genug an dieser Stelle mal zwei Anti-Thesen aufzustellen. Wer weiß. Vielleicht hatte Hegel ja Recht und es ergibt sich eine Symbiose.

1. Anti-These: Mission schätzt die Person nicht

Die katholische Kirche kennt zwei Begriffe für den Prozess der Bekehrung. Die Mission und die Evangelisierung. Unter der Mission wird eine Erstverkündigung der Offenbarung in Form einer Unterweisung verstanden. (Vgl. AG 6) Bekehr’ dich oder leide an deinen Sünden.
Die Evangelisierung, sowie von Paul VI in Evangelii Nuntiandi ursprünglich beschrieben, ist ein dialogischer Prozess der vom überzeugten Christen durch Tat und (erst auf nachfrage) Wort ausgeht. (Vgl. EN 22ff) Die Initiatoren kastrieren die Bekehrung auf ein institutionell-christologisch enggeführtes Überzeugen, statt einem im persönlichen-handeln sichtbaren Bezeugen Gottes.
Oberstes Prinzip und erste These ist nicht der praktizierter Glaube in Vertrauen auf Jesus, sondern ein bekehren hin zu den im Katechismus tradierten Glaubenswahrheiten (Vgl. These 7).
Nicht das Bedürfnis des Suchenden nach Gott ist dabei ausschlaggebend für die Mission, sondern das eigene Verständnis missionieren zu müssen. (Vgl. These 4)

2. Anti-These: Glaube wird auf Wahrheiten verkürzt

Glaube ist in “MissionManifest” verkürzt auf Wahrheit. Ja. Glaube ist das überzeugt sein von der Wahrheit, die uns Gott offenbart hat. Das Hören auf seine Selbstmitteilung und das Nachfolgen seiner Rufe, aber Glaube ist eben auch das Antworten. Das Subjektive, dass was die Offenbarungen Gottes überhaupt erst sichtbar macht.
Durch das was wir von Gott in der Welt schon erfahren. (vgl. Rahner, Hörer des Wortes, 151 oder LF 8)
Glaube unverändert weitergeben. Hast Du schon Mal etwas unverändert weitergegeben?
Ja? Dann hast Du es sicher in der Zwischenzeit nicht genutzt.

Folge 6: Missionieren

Mission. Das, was dahinter steht, ist genauso notwendig wie schwierig. Um den rechten Umgang mit Mission zu finden, braucht es viel Fingerspitzengefühl und einfühlsames Handeln. Damit spricht eigentlich alles dagegen, dass wir uns dem Thema annehmen. Haben wir aber trotzdem. gemacht Deswegen reden wir in dieser Folge über Mission – und was das ganze mit dem iPhone zu tun hat.

Schimpfwörter in dieser Folge: Jungscharführer

Was ist Glaube, Religion und Kirche?

Die Kirchen scheinen jedes Jahr für die Gesellschaft irrelevanter zu werden, die Kirchenaustritte steigen und die Gottesdienstbesucher*innen sterben nach und nach weg. Grund genug, sich die Frage zu stellen, ob es in dieser postmodernen Gesellschaft noch einen Glauben gibt (und was überhaupt “Glaube” ist), der trägt und uns existentiell berührt.

Der Begriff des Glaubens

Der Begriff Glaube ist ein schillernder Begriff. So wird er als Synonym für „Religion“ oder Kirchlichkeit benutzt, als Ausdruck eines tiefen Vertrauens in etwas oder als Antwort auf die Selbstmitteilung Gottes; er kann immanent sein oder über-sich-hinaus weisen. Im allgemeinen Sprachgebrauch steht Glaube oft für den Ausdruck einer Unsicherheit. Der Duden führt als erste Bedeutung für Glaube „gefühlsmäßige, nicht von Beweisen, Fakten o.Ä. bestimmte unbedingte Gewissheit, Überzeugung“ an. Gleichzeitig steht Glaube im religiösen Bereich, folgt man den Ausführungen des jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber, sowohl für ein Bekenntnis, ein festes Eintreten und für-wahr-halten auf Grund innerer Überzeugung, als auch für den Ausdruck einer Beziehung, einem vertrauen-auf-jemanden.

Katholischerseits wird Glaube als die Antwort des Menschen auf die Selbstmitteilung Gottes definiert.

Der Begriff der Religion

Folgt man der formalen Religionsdefinition des protestantischen Theologen Paul Tillich (*1886 †1965), so ist Religion das, was den Menschen unbedingt angeht (“ultimate concern”). Tillich stellt fest, dass jeder Mensch etwas an die Stelle des Unbedingten stellt. Seien es weltliche Dinge wie der eigene Fußballverein, abstrakte wie Liebe, Glück oder Familie, aber eben auch das Transzendente (Gott). Dinge, die an die Stelle des Unbedingten gestellt sind, werden für den Menschen existentiell bedeutsam. Dazu hält Tillich zusätzlich fest, dass Endliches an Stelle des Unbedingten immer zur unendlichen existentiellen Enttäuschung führt.

Der protestantische Theologe Friedrich Schleiermacher (*1768 †1834) bezeichnet Religion als Sinn und Geschmack für das Unendliche und dem Gefühl nach der schlechthinniger Abhängigkeit. Diese inhaltliche Religionsdefinition zeigt auf, dass Religion ein Beziehungsgeschehen zwischen Transzendenz und Mensch ist.

Exkurs: Religionswissenschaftliche Erkenntnisse zur Religion

Aus der Perspektive der Religionswissenschaft (im Gegensatz zur Theologie rein deskriptiv) lässt sich sagen, dass der Begriff der Religion undefinierbar ist. Es gibt nicht die eine Religion und dadurch auch nicht die eine Definition von Religion. Viel mehr scheint es, dass die existierenden Religionen Anteil an der Religion haben. Bedarf es einer Definition von einer Religion, wäre es der Frage nach Grund, Inhalt und Anwendung.

Grund von Religion ist das Wissen über die eigene Vergänglichkeit und der Erfahrung einer mangelnden Gegenwart. Daraus folgt der Inhalt von Religion als Verheißung einer Gegenwart (z. B. das ewige Leben) und dem Konstrukt einer Unendlichkeit. Der Weg zur Unendlichkeit wird dabei nie selbst erdacht, sondern von ihr aufgezeigt. Ein Hauptanliegen der Religion ist das Herstellen einer Einheit durch den Prozess eines Ich- zur Wir-Beziehung.

Diese Grundsätze zeigen sich in unterschiedlicher Form und Ausprägung in der praktischen Anwendung der Religionen.

Religion, Kirche, Glaube, Leben

Religion konstituiert sich allgemein aus persönlichen Glauben und im speziellen aus gemeinschaftlichen Glaubensüberzeugungen heraus. Diese allgemeine Erkenntnis über das Verhältnis von Religion zu Glaube, ist im spezielleren auch auf Kirche und Glaube zutreffend. Glauben und Kirchlichkeit einer Person sind zwei verschiedene, unabhängig voneinander existierende Pole.

Um diese Pole in eine konstruktive Beziehung zu setzen, hat Paul Tillich die Methode der Korrelation entwickelt. Nach dieser Methode gilt es im ersten Schritt, die Pole als einzelne Positionen zu betrachten und nicht zu vermischen. So gibt es die Tradition der Kirche, die objektive Wahrheiten gesammelt und systematisiert hat und als solche einen großen Fundus an Antworten bereithält. Auf der anderen Seite steht die Erfahrung des Einzelnen, der mit seinem subjektiven Empfinden die Welt wahrnimmt und daraus Fragen entwickelt. Im zweiten Schritt geht es darum, die beiden Pole in eine Korrelation, also Beziehung zueinander zustellen in dem die Fragen des Einzelnen immer aus seiner Situation gestellt und die Antworten der Kirche immer in die Situation gegeben werden.

Die Methode der Korrelation wendet sich von einer reinen Weitergabe des Glaubensguts zu Gunsten einer Beziehungs- und Dialogebene ab. Die Methode der Korrelation nutzt der katholische Theologe Karl Rahner (*1904 †1984) für seinen transzendental-anthropologischen Ansatz, in dem er festhält, dass, weil Gott transzendent, also über und nicht in der Welt ist, und der Mensch immer sinnlich erkennt, die Gotteserfahrung Fundament für den Glauben und damit auch konstitutives Element für die Kirche ist.

Es lässt sich somit festhalten, dass Religion die Form ist, die mit Glaube, d.h. menschliche Erfahrung vom Transzendenten, als Inhalt gefüllt wird. Dabei führen gemeinsame Erkenntnisse zur Gemeinschaftsbildung, die wiederum “Lesehilfe” für weitere Erfahrungen anbietet.

Von Nicht-Glauben zu Glauben

Grundlage für den Glauben ist die Erfahrung von der Transzendenz für das eigene Leben. Eine Solche Erfahrung nennt der katholische Theologe Edward Schillebeeckx (*1914 †2009) eine Disclosure-Erfahrung. Schillebeeckx (Kein Scheiß; der wird so geschrieben) nennt 3 Kriterien, damit eine Erfahrung eine Disclosure-Erfahrung sein kann:

  1. Es muss eine Erfahrung sein, die von allen Menschen unvermeidlich geteilt werden kann.
  2. Diese Erfahrung muss zwar existentiell sein, aber nicht zwangsläufig eine religiöse Deutung vorgeben.
    (Beispiel: Überlebter Autounfall. Eine solche Erfahrung ist existentiell, aber kann als solche auch immanent gedeutet werden z. B. mit guter Sicherheitstechnik.)
  3. Für das Verständnis dieser Erfahrung muss die bisherige Erfahrung von der Offenbarung Gottes (Schillebeeckx fasst das unter »Wort Gottes« zusammen) von Nutzen sein.

Die Ausführungen von Schillebeeckx zu Disclosure-Erfahrungen machen deutlich, dass der Schritt hin zu einer Transzendenzerfahrung nicht instruiert werden kann. Einzig das Stimulieren von Transzendenzbewusstsein kann helfen, dass die Person eine Erfahrung als Disclosure-Erfahrung deutet.

… und warum klappt das nicht mehr so?

Die Ausgangsfrage, ob in der heutigen Gesellschaft der Glaube noch eine Chance hat, lässt sich nach den Ausführungen deutlich mit ja beantworten. Als anthropologisches Grundkonstrukt ist Glaube etwas, das jeder Mensch hat und mit sich trägt. Der Mensch scheint nicht seine Fähigkeit zur Religiosität verloren zu haben, sondern seine Beziehung zur Institution. Aus der Tatsache, dass zum Sender der Botschaft keine Beziehung besteht und die Botschaft selber unverständlich bleibt, folgt die zwangsläufige Irrelevanz für die konkrete Lebensführung.

Eine Möglichkeit wäre, die Methode der Korrelation ernst zu nehmen und den persönlichen Glauben, also die Erfahrungen der Menschen mit dem transzendenten und ihrer Umwelt, wahrzunehmen. Dafür bedarf es aber auch einer Kommunikationsstruktur, die es ermöglicht, die Glaubenswahrheiten der Kirche mit den Glaubenserfahrungen der Menschen ins Gespräch zu bringen, indem sie in einem Dialog beiden Positionen Raum gibt ohne zu be- und verurteilen.

Des Weiteren ist ein persönlicher Glaube Voraussetzung für ein persönliches Zeugnis. Denn eine Person kann nicht etwas bezeugen, was sie selbst nicht glaubt. Das Glaubenszeugnis der einzelnen Person bildet wiederum das konstituierende Fundament für Glaubensgemeinschaft und damit essentiell für den Fortbestand der Gemeinschaft.